Der Quoten-Mann am Schlagzeug
Robert Ullmann on 05.02.2011:
Mit Frauen-Power zieht die Blues Caravane durch Offenburg.

Verzichtet auf Feigenblätter: Dani Wilde Foto: Peter Heck
OFFENBURG. Sieht man einmal von Randerscheinungen wie dem Holzfällersport ab, sind das Formel-1-Cockpit und die E-Gitarre die letzten Rückzugsgebiete, wo echte Männer und männliche Sexyness noch unbehelligt von Frauen im Rampenlicht stehen. Bei der E-Gitarre ist das Ende dieses Privilegs abzusehen. Das zeigte der Blues-Abend am Donnerstag in der gut besuchten Reithalle, wo die alljährliche Blues-Tournee "Blues Caravan" mit Dani Wilde und Samantha Fish zwei Blues-Damen bot, die mit einer E-Gitarre richtig was anfangen können. Cassie Taylor, die dritte Frau auf der Bühne, spielte Bass. Einzig der Drummer war – aus Gründen der Quote? – ein männlicher Rockmusiker.
"I can walk, I can talk, I can rock like a man do" singt Samantha Fish, blondmähnig, zierlich, rotzig, aufmüpfig. Sie schwingt die Gitarre, schüttelt ihr Haar, geht auch schon mal in den Spreizschritt. Das US-Girl greift das Image der selbstbewussten Gitarrenrock-Frauen um 1980 auf: Chrissie Hynde von den Pretenders, Joan Jett von den Runaways ("I love Rock’n’Roll" war der Mega-Hit). Ihr Gitarrenklang ist eher schlank, flüssig, swingend, singend, mit viel B. B. King drin. Bei langsameren Nummern wie "Leaving Chicago" klingt ihre Gitarre schmerzhaft, schneidet in die Seele mit langen, greinenden, sägenden Tönen, mit nachhallenden Läufen, die absichtsvoll-achtlos wegtropfen – sehr geschmeidig und sehr elegant. Hier zeigt die Blondine viel Seele und Weltschmerz, auch als Sängerin. Der Kontrast dazu sind die weiblichen Rotzlöffel-Rocker wie "Like a man do", mit cooler Gitarrenschwinger-Pose, breit verzerrtem Ton und schnoddrigen Riffs.
Eine Gitarren-Heroine ganz anderen Schlags ist Dani Wilde aus Brighton, England. Sie spielt Blues und Boogie ohne modische Accessoires, und sie hat einige unglaubliche intensiven Stücke dabei, etwa das achtminütige "Abandoned Child" mit träge schleppendem Rhythmus. Es ist ein massiger Song, mit breiter E-Gitarre, gequält, aufschreiend, schluchzend, dann grollend und aggressiv um sich schlagend, um gleich darauf wieder in Schwerblütigkeit zu fallen. Und was für eine tolle Sängerin ist das! Ihre Stimme röhrt, immer voller Leidenschaft, mit Power und gequältem Ausdruck auch in der Höhe. So wälzt und schiebt die Britin diesen Trumm von Song vor sich her, strotzend vor Kraft und geschunden von Qual. Und das Publikum ist völlig hingerissen von soviel aufgetürmter Leidenschaft. Was das Hauptthema des Blues angeht – den Sex – verzichtet Dani Wilde auf Feigenblätter. "Ich bin eine Frau mit rotem Blut, und will jetzt mit dir schlafen", fordert sie vehement und kompromisslos in dem Boogie-Rocker "Red blooded woman", und die Gitarre hämmert. Irgendwann erzählt sie, in England sei es schwer für sie mit den Männern. Ihr Bruder sei ein "guter Mann". Aber davon habe sie nichts. In Deutschland sei das anders. Da gäbe es gut aussehende Männer, die sie verstehen würden. Dann widmet sie "Mr. Loving Man" den deutschen Liebhabern – leider einer der schwächeren Songs des Abends, Boogierock-Dutzendware.
Cassie Taylor, die gelegentlich auch in der Band ihres Vaters – Bluesmeister Otis Taylor aus Chicago – den E-Bass zupft, ist vom Typ her eher eine Sängerin/Songschreiberin, mit Folk-Wurzeln und als Sängerin mit einem Ausdruck zwischen Folk und Soul. Tolle Stimme, immer ein wenig gezügelt, mehr Lava als Waldbrand. Besonders im zweiten Teil des Abends rockten die Ladies sich richtig in Laune, etwa bei einer Version des Rolling-Stones-Klassikers "Bitch" zwischen Schnoddrigkeit und Lust am Untergang. Bereits zuvor hatten sie die Stromlinien von Steve Millers Hit "Jet Airliner" mit etwas Funk entglättet. Ganz zum Schluss gab es "Highway to Hell" und eine dreistimmige Version von "With a little Help of my Friends", ohne Drummer und nur auf der Akustischen.
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